Wer einmal in einem Rauschzustand war, kennt vielleicht dieses eigenartige Gefühl:
Der Körper wirkt plötzlich fern, Gedanken laufen wie in einer Parallelspur, und Zeit verliert ihre klare Ordnung. Manche erleben das als befreiend, andere als beängstigend – manchmal sogar beides gleichzeitig.
Und genau da beginnt eine Frage, die viele (oft leise) beschäftigt:
Erleben wir im Rausch etwas, das sich wie Dissoziation anfühlt?
Und wenn ja: Was ist ähnlich – und was ist grundverschieden?
Wenn Bewusstsein sich verschiebt
Sowohl Dissoziation als auch psychoaktive Substanzen können verändern, wie wir uns selbst und die Welt wahrnehmen. In beiden Fällen berichten Menschen über Zustände wie:
- „Ich bin nicht richtig da.“
- „Ich beobachte mich wie von außen.“
- „Alles wirkt unwirklich – wie hinter Glas oder wie im Traum.“
- ,,Ich spüre meinen Körper nicht mehr, bin ich noch da?“
Solche Erlebnisse werden häufig mit Begriffen wie Depersonalisation und Derealisation beschrieben. Entscheidend ist: Das Gefühl kann sich sehr ähnlich anfühlen, auch wenn der Weg dorthin ein anderer ist.
Ähnlich im Erleben – unterschiedlich in Ursprung und Dynamik
Der häufig größte Unterschied liegt nicht darin, wie es sich anfühlt, sondern woher es kommt und wie es sich im Leben verankert.
Dissoziation: Schutz ohne bewusste Entscheidung
Dissoziation wird in vielen Kontexten als unwillkürliche Schutzreaktion verstanden: ein inneres Umschalten, wenn das Nervensystem (vereinfacht gesagt) entscheidet, dass die momentane Erfahrung zu viel ist. Nicht, weil jemand „schwach“ ist – sondern weil der Körper versucht, Überforderung zu überleben.
Rausch: Bewusst ausgelöst – mit sehr verschiedenen Motiven
Drogenkonsum ist dagegen eine aktive Handlung, die eine Bewusstseinsveränderung auslöst – aus Neugier, Entlastungswunsch, Zugehörigkeit, Selbstmedikation oder dem Bedürfnis, etwas Bestimmtes nicht zu fühlen (oder endlich etwas zu fühlen).
Hier liegt eine wichtige Gemeinsamkeit, ohne sie gleichzusetzen:
Beide Zustände können (kurzzeitig) Distanz schaffen.
Nur geschieht es einmal als Schutzmodus des Systems, einmal über eine äußere Substanz.
Was Forschung zu „dissoziativen“ Rauschzuständen zeigt
Die Idee „Rausch kann dissoziativ wirken“ ist nicht nur ein Gefühl aus Erzählungen – es gibt Forschung, die genau solche akuten Zustände untersucht.
In placebo-kontrollierten Studien wurde z. B. berichtet, dass Intoxikation mit MDMA und Cannabis (und in geringerem Maß auch Kokain) akute dissoziative Symptome verstärken kann – also Empfindungen, die an Depersonalisation/Derealisation erinnern.
Bei Ketamin ist der Bezug noch direkter: Ketamin wird in der Forschung und klinischen Diskussion ausdrücklich mit kurzzeitigen dissoziativen Effekten in Verbindung gebracht (wobei gleichzeitig betont wird, dass Dissociation nicht einfach „gleich Wirkung“ oder „gleich Heilung“ bedeutet).
Wichtig für einen seriösen Umgang mit dem Thema:
„Dissoziativ“ meint hier: ähnliche Symptome/Erlebnisqualitäten – nicht automatisch dieselbe Störung und nicht automatisch denselben Hintergrund.
Kurzzeit vs. Muster: Warum „Rausch vergeht“ nicht dasselbe ist wie „Dissoziation verschwindet“
Ein Rausch kann einen Zustand öffnen – aber er erklärt nicht automatisch, warum jemand dort landet, wie es sich einbettet und wie lange es anhält.
- Substanzinduzierte dissoziative Erlebnisse lassen meist nach, wenn die akute Wirkung abklingt.
- Psychische Dissoziation kann dagegen wiederkehren, anhalten oder Teil eines umfassenderen Musters werden – und z. B. mit Trauma, Überforderung oder chronischem Stress verknüpft sein.
Eine vorsichtige, aber treffende Metapher:
Der Rausch kann sich anfühlen, als ginge eine Tür kurz auf.
Bei manchen Menschen ist hinter dieser Tür jedoch bereits ein inneres Muster aktiv, das nicht „chemisch“ beginnt – und deshalb auch nicht einfach „chemisch“ endet.
Flucht und Schutz: Zwei Wege zu derselben Distanz
Dissoziation ist kein „gewählter Zustand“. Oft passiert sie genau dann, wenn innerlich etwas zu groß wird: Angst, Schmerz, Erinnerung, Überforderung. Das System versucht, die Intensität zu regulieren – manchmal radikal, manchmal subtil.
Substanzen können ebenfalls zur Distanzierung genutzt werden – manchmal als bewusste Flucht, manchmal als Versuch von Kontrolle, manchmal als verzweifelte Suche nach Entlastung.
Hier berühren sich die Phänomene:
Beide können kurzfristig Schwere reduzieren.
Und beide können – wenn sie zum einzigen Weg werden – langfristig das Gefühl von Entfremdung verstärken.
Warum manche Menschen besonders empfindlich reagieren
Es gibt Hinweise, dass Menschen mit traumaassoziierten Symptomen oder Dissoziationsneigung auf Bewusstseinsveränderungen stärker reagieren können. Forschung zu PTBS, Dissoziation und Substanzkonsum zeigt zudem, dass diese Bereiche häufig gemeinsam auftreten und sich gegenseitig beeinflussen können.
Das erklärt auch, warum ein Rausch für manche nicht „nur ein Trip“ ist, sondern triggernd wirken kann:
Wenn sich die innere Qualität des Zustands „bekannt“ anfühlt, kann das Nervensystem Alarm schlagen – nicht, weil die Pharmakologie identisch wäre, sondern weil das Erleben ähnliche Bahnen aktiviert.
Nachwirkungen: Was ist gut belegt – und was ist (noch) Hypothese?
In Debatten über Psychedelika wird zunehmend auch über Risiken gesprochen – darunter anhaltende Destabilisierung, Angst, Derealisation-ähnliche Beschwerden oder belastende Nachwirkungen bei vulnerablen Personen.
Ein Beispiel ist der Begriff „Psychedelic Iatrogenic Structural Dissociation (PISD)“, der als explorative Hypothese diskutiert wird – ausdrücklich nicht als etablierte Diagnose, sondern als Rahmenidee zur Beschreibung möglicher Risiken in bestimmten Konstellationen.
Für deinen Blog ist diese Einordnung wichtig:
Du kannst das Thema ernst nehmen, ohne aus einer Hypothese eine „gesicherte Wahrheit“ zu machen – und bleibst damit sowohl fachlich als auch rechtlich stabil.
Fazit
Ja: Drogen können Zustände auslösen, die sich wie Dissoziation anfühlen: Losgelöstsein vom Körper, verzerrte Zeit, „aus der Ferne beobachten“, Unwirklichkeit.
Aber: Dissoziation im psychischen Sinn ist oft mehr als ein chemischer Effekt. Sie kann eine Schutzreaktion sein, ein wiederkehrendes Muster, ein inneres „Umschalten“, das nicht einfach verschwindet, nur weil ein Wirkstoff abgebaut ist.
Und vielleicht ist genau das der menschlichste Blick:
Nicht moralisch urteilen, sondern verstehen, dass Menschen Wege suchen, Überforderung zu regulieren – manchmal aus Not, manchmal aus Neugier, manchmal aus beidem. Das macht Dissoziation nicht zu einem Versagen. Und Rausch nicht automatisch zu „Laster“. Es zeigt vor allem, wie sensibel und beweglich unser Bewusstsein ist – und wie stark das Bedürfnis nach Entlastung werden kann.
Quellen
- van Heugten-van der Kloet, D. et al. (2015). MDMA, cannabis, and cocaine produce acute dissociative symptoms during intoxication. Psychiatry Research.
- Najavits, L. M. & Walsh, M. (2012). Dissociation, PTSD, and substance abuse: An empirical study. Journal of Trauma & Dissociation.
- Ricci, V. & Martinotti, G. (2024). Dissociation and Temporality in Substance Abuse: A clinical phenomenological overview. Psychopathology.
- Ballard, E. D. et al. (2020). The role of dissociation in ketamine’s antidepressant effects. Nature Communications.
- Elfrink, S. & Bergin, L. (2025). Psychedelic iatrogenic structural dissociation: an exploratory hypothesis on dissociative risks in psychedelic use. Frontiers in Psychology.
- American Psychiatric Association: Überblick zu dissoziativen Störungen (inkl. Depersonalisation/Derealisation, Amnesie).
- NHS: Überblick zu dissoziativen Störungen und Depersonalisation/Derealisation.
- Mayo Clinic: Depersonalisation-/Derealisation-Störung (Überblick, Verlauf).
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