Dissoziation ist ein Begriff, den viele nur aus Filmen oder Extremsituationen kennen. Dabei erleben weitaus mehr Menschen eine Form davon, als man denkt. Doch was bedeutet das eigentlich – und wie häufig sind dissoziative Störungen wirklich?
Was bedeutet Dissoziation?
Dissoziation beschreibt einen Zustand, in dem bestimmte Wahrnehmungen, Erinnerungen oder Gefühle zeitweise vom Bewusstsein „abgetrennt“ werden. Das kann sich anfühlen, als wäre man nicht ganz da, neben sich stehend, oder als ob die Welt plötzlich unwirklich wirkt.
Diese Erfahrungen können kurzfristig bei Stress, Überforderung oder Trauma auftreten – das ist zunächst nicht krankhaft, sondern eine Schutzreaktion des Gehirns.
Wenn diese Zustände jedoch regelmäßig, langanhaltend und belastend sind, sprechen Fachleute von einer dissoziativen Störung. Dazu gehören zum Beispiel:
- Dissoziative Identitätsstörung (DID)
- Depersonalisations-/Derealisationstörung
- Dissoziative Amnesie
Wie viele Menschen sind betroffen?
Die Forschung zeigt, dass dissoziative Störungen keine Seltenheit sind – auch wenn sie oft übersehen werden.
Studien schätzen, dass zwischen 1 % und 5 % der Allgemeinbevölkerung eine Form dissoziativer Störung aufweist.
Das entspricht etwa der Häufigkeit anderer psychischer Erkrankungen wie Schizophrenie oder Zwangsstörungen.
- Für die Dissoziative Identitätsstörung (DID) liegt die Prävalenz nach mehreren internationalen Untersuchungen bei rund 1 %–1,5 % der Bevölkerung (Ross et al., 1991; DID Research, 2024).
- Die Depersonalisations-/Derealisationstörung betrifft etwa 0,8 %–1,9 % der Menschen weltweit (Bridley & Daffin, 2022).
- In psychiatrischen Kliniken oder Traumatherapie-Settings werden deutlich höhere Raten festgestellt – teils bis zu 46 % der Patient*innen zeigen dissoziative Symptome (Steinberg et al., 2013).
Diese Spannbreite zeigt: Dissoziation ist weit verbreitet, wird aber häufig nicht erkannt oder falsch eingeordnet.
Warum die Zahlen schwanken
Fachleute betonen, dass es schwierig ist, genaue Zahlen zu erheben.
Das liegt an mehreren Faktoren:
- Unterschiedliche Diagnosekriterien – Je nachdem, ob man nach DSM-5 oder ICD-11 diagnostiziert, können Ergebnisse variieren.
- Mangel an Schulung – Viele Ärztinnen oder Therapeutinnen sind mit dissoziativen Störungsbildern wenig vertraut, was zur Unterdiagnose führt.
- Kulturelle Einflüsse – In manchen Ländern werden dissoziative Symptome anders beschrieben oder gedeutet.
- Scham und Verdrängung – Betroffene sprechen oft erst spät über ihre Erfahrungen, weil sie Angst haben, nicht ernst genommen zu werden.
In einer Übersichtsarbeit heißt es dazu:
„Dissoziative Störungen gehören zu den am wenigsten erkannten, aber am häufigsten vorkommenden Traumafolgestörungen weltweit.“
– Brand et al. (2016), Frontiers in Psychiatry
„Eine Art davon erleben“ – was das bedeutet
Wichtig ist, zwischen dissoziativen Erlebnissen und klinisch relevanten Störungen zu unterscheiden.
Viele Menschen erleben im Alltag kurze dissoziative Momente – etwa beim Autofahren, wenn man „auf Autopilot“ schaltet, oder wenn Erinnerungen an ein belastendes Erlebnis plötzlich verschwimmen.
Solche alltäglichen Dissoziationen sind normal und sogar eine Schutzfunktion des Gehirns.
Erst wenn diese Zustände häufig auftreten, die Kontrolle beeinträchtigen oder das Selbstbild stark verändern, spricht man von einer Störung.
Was die Zahlen wirklich sagen
Dissoziation ist keine Randerscheinung, sondern Teil vieler Lebensgeschichten – oft im Zusammenhang mit Trauma, Gewalt oder emotionaler Vernachlässigung.
Die Forschung zeigt, dass viele Menschen mit dissoziativen Symptomen jahrelang unbehandelt bleiben oder falsche Diagnosen erhalten, etwa Depression oder Borderline.
Das erklärt, warum die Zahl derjenigen, die „eine Art davon erleben“, wahrscheinlich deutlich höher ist als die der Diagnostizierten.
Manche Fachleute sprechen deshalb von einer „versteckten Epidemie“ psychischer Traumafolgestörungen.
Fazit
Dissoziation ist kein seltenes Phänomen, sondern ein häufig missverstandener Schutzmechanismus, der bei vielen Menschen eine Rolle spielt – ob bewusst oder unbewusst.
Zwischen 1 % und 5 % der Bevölkerung erfüllen laut Studien die Kriterien einer dissoziativen Störung – doch die Dunkelziffer dürfte höher liegen.
Je besser wir verstehen, wie das Gehirn auf Überforderung reagiert, desto offener kann auch über Dissoziation gesprochen werden – ohne Scham, ohne Pathologisierung, sondern als Teil menschlicher Überlebensstrategien.
Quellen
- Brand, B. L. et al. (2016). Dissociative disorders in trauma populations: An update. Frontiers in Psychiatry. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6296396/
- Ross, C. A. et al. (1991). Epidemiology of multiple personality disorder and dissociation. American Journal of Psychiatry.
- Bridley, A. & Daffin, L. (2022). Fundamentals of Psychological Disorders, 3rd Ed. LibreTexts.
- Steinberg, M. et al. (2013). Dissociative disorders: Clinical and epidemiological features. Journal of Trauma & Dissociation.
DID Research. (2024). Prevalence of Dissociative Identity Disorder. https://did-research.org/did/basics/prevalence
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