Stell dir vor, dein Inneres ist ein Baum. Nicht irgendein Baum, sondern einer, der deine gesamte Geschichte trägt. Der Stamm ist dein Körper – fest, tragend und schon einiges durchlebt. Er hat Stürme überstanden, Hitze, Kälte, Erschütterungen. Er trägt dich durchs Leben, auch dann, wenn du dich selbst nicht mehr spürst.
Aus deinem Kopf – geschlechtslos, weil Gefühle kein Geschlecht brauchen – wachsen Äste. Jeder Ast gehört zu einem Moment, in dem du etwas gefühlt hast, das dein Inneres verändert hat. Manche dieser Äste sind dünn, vorsichtig, kaum sichtbar. Andere sind kräftig gewachsen – aus Schmerz, aus Liebe, aus tiefem Verlust oder plötzlicher Freude.
Doch diese Äste tragen keine Blätter. Sie tragen Blumen. Und jede dieser Blumen erzählt eine Geschichte. Es sind keine klischeebehafteten Symbole, keine romantisch verklärten Vorstellungen. Es sind echte Emotionen – gewachsen aus deiner Erfahrung. Manche sind frisch, offen, lebendig. Andere sind verwelkt. Nicht tot – nur vergessen, verdrängt, aus Angst, erneut zu fühlen, was einmal zu viel war.

Ich habe lange gebraucht, um meinen Gefühlsbaum zu erkennen. Mein Körper zeigte Symptome, für die es keine Diagnose gab. Schmerzen, Taubheit, Überforderung. Ich konnte nicht erklären, was war – und niemand fragte richtig. Also hörte ich selbst hin. Nicht mit dem Kopf, sondern mit dem, was noch übrig war. Ich habe mich meiner eigenen inneren Welt gestellt, ohne Werkzeuge, ohne Anleitung. Ich wusste nicht, dass man das heute Konfrontationstherapie nennt. Für mich war es ein Überlebensinstinkt.
Ich habe mir erlaubt, hinzusehen – dahin, wo man normalerweise wegsieht. Ich habe mich erinnert. Ich habe gespürt. Ich habe getrauert, geschrien, geschwiegen. Und irgendwann habe ich verstanden: Mein Körper sprach schon immer mit mir. Ich hatte nur verlernt, ihn zu hören.
Die klassischen Methoden konnten mir nicht helfen. Medikamente betäuben, beruhigen, verändern die Wahrnehmung und machen den Körper still. Aber was, wenn das, was raus will, nicht still sein darf? Wenn du nicht mehr spürst, dass du etwas fühlst – wie willst du dann wissen, wer du bist? Ich habe gespürt, dass ich meinen eigenen Weg gehen musste. Und ich weiß heute: Jeder Mensch trägt seinen eigenen Gefühlsbaum in sich. Kein Baum gleicht dem anderen, auch wenn die Stürme manchmal ähnlich sind.
Ich habe beobachtet – bei mir, bei anderen. Viele Menschen leben in angepassten Bildern. Sie spiegeln, statt zu empfinden. Sie erzählen von Erlebnissen, die ihnen selbst nicht mehr gehören, weil sie längst zu einer Rolle geworden sind – und sie es selbst sogar so empfinden. Dabei wollen so viele einfach nur die Wahrheit sagen dürfen, ohne verurteilt zu werden. Ihre Gefühle in der Geschichte zeigen, ohne gleich belächelt zu werden. Ohne den Blick, der sagt: „Du übertreibst.“
Der Gefühlsbaum ist kein psychologisches Modell. Er ist ein Bild, ein Gefühl, ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Damit Menschen begreifen, dass Heilung nicht durch Diagnosen entsteht, sondern durch Anerkennung. Dass es nicht immer eine sichtbare Narbe braucht, um ernst genommen zu werden. Und dass Gefühle, auch wenn sie weh tun, nicht gefährlich sind – sondern notwendig.
Ich schreibe das, weil ich glaube, dass wir aufhören müssen, uns selbst zu zensieren. Weil ich glaube, dass wir wieder lernen müssen zu fühlen – nicht nur zu funktionieren. Weil Emotionen nicht kontrolliert, sondern verstanden werden wollen.
Wenn du diesen Text liest und denkst: „Das kenne ich“ – dann möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein. Dein Schmerz ist real. Deine Gefühle sind nicht zu viel. Und du darfst deinen Gefühlsbaum wachsen lassen. Mit all seinen Ästen, mit allen Blumen – selbst mit den verwelkten.
Denn manchmal beginnt Heilung genau da, wo wir das erste Mal innehalten und sagen: „Ich sehe dich. Und ich spüre dich wieder.“
Autorin: Aus eigener Erfahrung. Für alle, die leise kämpfen und endlich gehört werden wollen.
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