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Verloren in der eigenen Geschichte: Das Phänomen der dissoziativen Amnesie

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Stell dir vor, du schlägst das Buch deines Lebens auf – aber die Seiten sind leer. Dein eigener Name fühlt sich fremd an, dein Zuhause ein unbekannter Ort. Menschen sprechen dich an, behaupten, dich zu kennen, doch du kannst dich an nichts erinnern.

Genau das erleben Menschen mit dissoziativer Amnesie – einem Zustand, in dem Erinnerungen nicht für immer verschwinden, sondern vom eigenen Gehirn bewusst blockiert werden. Doch warum passiert das? Und was bedeutet es, sich in der eigenen Geschichte zu verlieren?


Wenn das eigene Leben plötzlich nicht mehr existiert

Die dissoziative Amnesie ist kein gewöhnlicher Gedächtnisverlust. Sie entsteht nicht durch eine Krankheit oder einen Unfall, sondern durch eine Schutzreaktion der Psyche auf extreme Belastung oder Trauma. Anstatt sich mit dem Schmerz auseinanderzusetzen, schaltet das Gehirn bestimmte Erinnerungen ab – manchmal nur für einzelne Ereignisse, manchmal für große Abschnitte des Lebens.

Während viele Betroffene nur bestimmte traumatische Erlebnisse nicht abrufen können, gibt es seltene Fälle, in denen die gesamte Identität ausgelöscht wird. Das gesamte Leben – alles, was man war und kannte – verschwindet in einem einzigen Moment.


Wie fühlt sich dissoziative Amnesie an?

Dissoziative Amnesie ist mehr als nur das Vergessen einzelner Erinnerungen. Sie ist das Verlieren von sich selbst.

💭 Ein Erwachen in eine fremde Welt:
Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, nach dem Gedächtnisverlust wie ein „leeres Blatt Papier“ zu sein. Ihr eigener Name, ihr Zuhause, ihre Familie – alles ist verschwunden. Selbst alltägliche Dinge fühlen sich fremd an.

💭 Emotionale Leere:
Oft sind nicht nur die Erinnerungen blockiert, sondern auch die dazugehörigen Gefühle. Menschen, die einem einst nahestanden, wirken wie Fremde. Es ist, als ob das eigene Leben „gelöscht“ wurde – und mit ihm alle Verbindungen zu anderen Menschen.

💭 Die Welt wirkt surreal:
Viele erleben das Leben nach der Amnesie als unwirklich. Es ist, als würde man eine Geschichte hören, die einem erzählt wird – aber ohne eigene Verbindung dazu. Selbst wenn Erinnerungen langsam zurückkehren, fühlen sie sich anfangs oft fremd an, als wären sie nicht die eigenen.

💭 Die Suche nach sich selbst:
Die größte Herausforderung ist nicht nur das Wiederfinden von Erinnerungen – sondern das Wiederfinden von Identität. Wer bin ich ohne meine Vergangenheit? Was macht mich aus, wenn ich mich an nichts erinnern kann?


Warum passiert dissoziative Amnesie?

Das Gehirn hat eine Schutzfunktion: Wenn eine Erinnerung zu schmerzhaft ist, blendet es sie aus. Es ist ein Überlebensmechanismus, der verhindert, dass Betroffene von ihren eigenen Erlebnissen überwältigt werden.

🧠 Was passiert im Gehirn?

  • Der Hippocampus, zuständig für das Abspeichern von Erinnerungen, reduziert seine Aktivität.
  • Die Amygdala, die Emotionen verarbeitet, bleibt überaktiv – das Gehirn bleibt in Alarmbereitschaft.
  • Das Bewusstsein trennt sich ab, um weiter funktionieren zu können.

Kurz gesagt: Das Gehirn entscheidet, dass bestimmte Erinnerungen zu gefährlich sind – also sperrt es sie weg.


Arten der dissoziativen Amnesie

Nicht jeder erlebt dissoziative Amnesie auf die gleiche Weise. Man unterscheidet verschiedene Formen:

1️⃣ Lokalisierte Amnesie – Erinnerungen an ein bestimmtes traumatisches Ereignis fehlen.
2️⃣ Selektive Amnesie – Einzelne Aspekte eines Erlebnisses sind blockiert.
3️⃣ Generalisierte Amnesie – Große Teile oder die gesamte Lebensgeschichte sind nicht abrufbar.
4️⃣ Dissoziative Fugue – Die Person verliert nicht nur ihre Erinnerungen, sondern kann sogar ohne erkennbaren Grund ihre Umgebung verlassen und sich eine neue Identität zulegen.

In seltenen Fällen, wie bei mir selbst, kann der gesamte Lebenslauf verschwinden. Das bedeutet: kein Name, keine Erinnerungen an Familie oder Freunde, nicht einmal ein Verständnis für alltägliche Dinge wie Orte oder Objekte.


Der Weg zurück: Wie Erinnerungen zurückkehren

Erinnerungen verschwinden nicht für immer – sie sind noch da, aber oft tief vergraben. Ihre Rückkehr ist selten plötzlich. Sie tauchen schrittweise auf, oft durch Trigger wie Gerüche, Orte oder Gespräche.

Durch Träume: Viele erleben Erinnerungen in ihren Träumen, lange bevor sie sie bewusst abrufen können.
Durch Sinneseindrücke: Ein bestimmter Geruch, ein Geräusch oder eine Berührung kann eine vergessene Erinnerung auslösen.
Durch emotionale Verarbeitung: In einem sicheren Umfeld, oft mit therapeutischer Unterstützung, können Erinnerungen langsam wieder zugänglich werden.

Doch das Wiedererlangen der Erinnerung kann genauso herausfordernd sein wie der Verlust selbst. Denn oft bedeutet es, sich mit der verdrängten Vergangenheit auseinanderzusetzen – und das kann schmerzhaft sein.


Fazit: Wenn dein Gehirn dich vor deiner eigenen Geschichte schützt

Dissoziative Amnesie ist kein gewöhnliches Vergessen. Sie ist ein Schutzmechanismus – aber einer, der mit einem hohen Preis kommt. Die eigene Geschichte zu verlieren, bedeutet nicht nur den Verlust von Erinnerungen, sondern oft auch von Beziehungen, Identität und dem Gefühl, sich selbst zu kennen.

Doch es gibt Hoffnung: Erinnerungen können zurückkehren, oft begleitet von Therapie, Selbstreflexion oder emotionaler Verarbeitung. Es ist ein Prozess, der Geduld erfordert – aber jeder Schritt bringt einen näher zu sich selbst.

Wenn du das Gefühl hast, dass du dich in deiner eigenen Geschichte verloren hast, sei geduldig mit dir. Dein Unterbewusstsein schützt dich – doch irgendwann wird es dir die Möglichkeit geben, deine Vergangenheit wiederzufinden. 💙


Quellen:

  1. Eckhardt-Henn & Spitzer (2018). Dissoziative Bewusstseinsstörungen: Grundlagen – Klinik – Therapie (2. Auflage).
  2. American Psychiatric Association (DSM-5, 2013). Dissociative Disorders & Trauma.
  3. Mayo Clinic. Understanding Dissociative Amnesia.
  4. National Institutes of Health (NIH). Studies on Trauma and Memory Processing.
  5. Deutsches Ärzteblatt. Dissociative Disorders and Neurological Impact.
  6. Dissoisso.de. Erfahrungsberichte und Analysen zu dissoziativen Störungen.

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