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Epilepsie oder dissoziative Krampfanfälle?

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Wenn Diagnosen verwirrend werden

Manchmal lässt uns die Medizin mit mehr Fragen als Antworten zurück – besonders, wenn zwei völlig unterschiedliche Krankheiten so ähnlich aussehen können wie Epilepsie und dissoziative Krampfanfälle (PNES). Obwohl die Ursachen der beiden Anfallsarten kaum unterschiedlicher sein könnten, passiert es immer wieder, dass sie verwechselt werden. Warum ist das so? Und warum ist es wichtig, genau hinzusehen? 


Epilepsie vs. dissoziative Krampfanfälle – Was steckt dahinter?

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung. Hier liegt das Problem direkt im Gehirn: Unkontrollierte elektrische Entladungen stören die normale Funktion und lösen Krampfanfälle aus.

Dissoziative Krampfanfälle, auch als psychogene nicht-epileptische Anfälle bekannt, haben hingegen psychische Ursachen. Sie entstehen oft als Reaktion auf Stress, Angst oder unverarbeitete Traumata. Kurz gesagt: Der Körper drückt etwas aus, was die Psyche nicht mehr tragen kann.

Auf den ersten Blick sehen beide Krankheitsbilder ähnlich aus – Zuckungen, Bewusstseinsverlust, vielleicht Verwirrung nach dem Anfall. Doch die Ursache macht den entscheidenden Unterschied: neurologisch oder psychisch?


Warum Fehldiagnosen so häufig vorkommen

Studien zeigen, dass bis zu 30 % der Patienten mit einer vermeintlichen Epilepsie-Diagnose tatsächlich an dissoziativen Krampfanfällen leiden. Das liegt nicht nur an den Ähnlichkeiten in den Symptomen, sondern auch an weiteren Stolpersteinen:

  1. Unterschätzte psychische Ursachen:
    Im medizinischen Alltag wird oft zuerst nach körperlichen Ursachen gesucht. Stress oder psychische Belastungen stehen seltener im Fokus, obwohl sie bei dissoziativen Anfällen eine zentrale Rolle spielen.
  2. Fehlende Untersuchungen:
    Die Unterscheidung zwischen den beiden Anfallsarten erfordert ein Video-EEG. Dabei werden die Anfälle nicht nur gefilmt, sondern auch die Gehirnströme gemessen. Ohne dieses Tool bleibt die Diagnose oft eine Vermutung. In den meisten Fällen wird noch ein zusätzlicher Stress EEG durchgeführt, um Veränderungen am Gehirn festzustellen und eventuell einen Krampfanfall durch nächtliches Aufbleiben auszulösen. 
  3. Ärzte, die nicht spezialisiert sind:
    Gerade bei seltenen oder komplexen Fällen, wie dissoziativen Anfällen, fehlen manchmal die nötige Erfahrung oder Schulung, um die richtige Diagnose zu stellen.
  4. Durch mangelnde Arbeitskräfte:                                                     
    Wie wir Wissen wird die Arbeit in den Krankenhäuser immer anstrengender. Warum? Wegen mangelnden Arbeitskräften, Überstunden und Patienten, die behandelt werden müssen. In Ruhe? Kaum möglich, weil die Zeit oft fehlt und die Arbeit sich nur noch mehr häuft. Dabei bräuchten manche Ärzte auch mehr Zeit und Ruhe um die Patienten richtig diagnostizieren zu können.

Die Folgen von Fehldiagnosen

Eine Fehldiagnose klingt harmlos, hat aber gravierende Konsequenzen – besonders, wenn sie über Jahre hinweg bestehen bleibt:

  • Falsche Medikamente: Menschen mit dissoziativen Anfällen bekommen häufig Antiepileptika, die bei ihrer Erkrankung nicht helfen. Stattdessen können Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit oder sogar Depressionen auftreten. Folge: Sie bekommen noch mehr Medikamente wie Antidepressiva, die noch mehr Nebenwirkungen auslösen können, wie Halluzinationen.
  • Keine passende Therapie: Dissoziative Anfälle brauchen psychotherapeutische Ansätze – doch ohne die richtige Diagnose bleibt das oft unerkannt. Das Ergebnis? Die Anfälle können chronisch werden, und Menschen stehen dann oft alleine da, dadurch kann die Lebensqualität weiter abnehmen.

Wie kann man die beiden Anfallsarten unterscheiden?

Ein paar Unterschiede können erste Hinweise geben:

  • Auslöser: Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, bei der es aufgrund von unkontrollierten elektrischen Entladungen im Gehirn zu Krampfanfällen kommt. Dissoziative Krampfanfälle hingegen, auch psychogene nicht-epileptische Anfälle (PNES) genannt, haben keine neurologische, sondern eine psychische Ursache. 
  • Körper Reize: Bei einem dissoziativen Krampfanfall reagiert oft der Körper des Krampfendes positiv, wenn nahestehende Personen oder der Notarzt auf den Krampfenden einredet. Sätze wie: Hier ist der Notarzt, wir sind hier und werden uns gut um sie kümmern. Sie sind in Sicherheit…

oder

Hey, ich bin es, dein Kumpel/Freundin. Ich bin bei dir, du bist nicht alleine. Du brauchst keine Angst haben. Hier ist niemand, der dir weh tun möchte. Du bist in Sicherheit….

Körperkontakt: Nur bei vertrauten Personen des Krampfenden kann es auch hilfreich sein, vorsichtig Körperkontakt zu suchen, wie leichtes Streicheln  am Arm. Da krampfende Unterbewusst trotzdem ihre Umgebung noch wahrnehmen können, kann das Zureden, so wie leichtes Streicheln, ihnen schneller helfen, den Krampf zu beenden.


Fazit: Präzision rettet Lebensqualität

Epilepsie und dissoziative Krampfanfälle haben eines gemeinsam: Sie beeinflussen das Leben der Betroffenen enorm. Umso wichtiger ist es, sie klar zu unterscheiden. Die richtige Diagnose ist der erste Schritt zur richtigen Behandlung – und damit auch der erste Schritt zu einer besseren Lebensqualität.

Wenn du Anfälle bei dir oder jemand anderem beobachtest, sprich mit einem spezialisierten Neurologen oder Psychiater. Denn nur, wer die Ursache kennt, kann den Weg aus dem Nebel finden.


Quellen:

1. Fachbuch

  • Titel: Dissoziative Bewusstseinsstörungen: Grundlagen – Klinik – Therapie,
    2. Auflage
  • Autoren: Eckhardt-Henn und Spitzer
  • Inhaltlich wurden insbesondere die Abschnitte zu den diagnostischen Unterschieden zwischen Epilepsie und dissoziativen Anfällen, die Symptomatik und der Zusammenhang mit Stress und Traumata berücksichtigt.

2. Allgemeine Informationen und Forschungsergebnisse

  • Studien und Artikel zu Fehldiagnosen im Bereich Epilepsie und PNES, die darauf hinweisen, dass bis zu 30 % der ursprünglich als Epilepsie diagnostizierten Fälle tatsächlich dissoziative Anfälle sind.
    • Beispielstudie: LaFrance, W. C. Jr., & Devinsky, O. (2008). The Treatment of Psychogenic Nonepileptic Seizures: Historical Perspectives and Future Directions. Epilepsia.

3. Klinische Unterschiede und Diagnosetools

  • Informationen über die Bedeutung von Video-EEG für die Diagnose und über die Merkmale, die dissoziative Anfälle von epileptischen unterscheiden.
    • Beispielquelle: Hubsch et al. (2011) – Unterschiedliche Anfallsmerkmale bei dissoziativen und epileptischen Anfällen.

4. Patientenerfahrungen und psychosoziale Aspekte

  • Erfahrungsberichte und Erkenntnisse aus psychologischen und neurologischen Plattformen, die den Einfluss von Fehldiagnosen auf Lebensqualität, soziale Integration und psychische Gesundheit beschreiben.
    • Quelle: Epilepsy Foundation und PNES Resources Online.

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