Dissoziative Störungen und psychische Erkrankungen im Allgemeinen sind in unserer Gesellschaft nach wie vor stark mit Vorurteilen und Missverständnissen behaftet. Besonders Menschen mit Dissoziationen erleben nicht nur die innere Zerrissenheit und die Herausforderungen ihres Zustands, sondern auch die Unsicherheit, das Unverständnis oder gar die Ablehnung durch ihr soziales Umfeld. Doch warum ist das so? Warum wird Dissoziation oft nicht ernst genommen oder gar als „Einbildung“ abgestempelt? Und was können wir tun, um das zu ändern?
Was ist Dissoziation?
Dissoziation beschreibt einen Zustand, in dem Betroffene sich von ihrer Umgebung, ihrem eigenen Körper oder ihren Gedanken abgetrennt fühlen. Dies kann sich in verschiedenen Formen äußern:
- Depersonalisation: Das Gefühl, nicht mehr mit sich selbst verbunden zu sein.
- Derealisation: Die Umwelt wirkt unwirklich, wie in einem Traum.
- Amnesie: Erinnerungen an bestimmte Ereignisse oder sogar ganze Lebensabschnitte fehlen.
- Identitätsstörungen: Manche Betroffene erleben sich als verschiedene Persönlichkeiten oder haben das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein.
Diese Phänomene treten oft als Schutzmechanismus auf, wenn die Psyche versucht, mit überwältigendem Stress oder Trauma umzugehen. Doch anstatt Verständnis zu erhalten, stoßen viele Betroffene auf Unverständnis und Skepsis.
Warum ist Dissoziation ein Tabuthema?
1. Fehlendes Wissen in der Gesellschaft
Viele Menschen haben noch nie von Dissoziation gehört oder verbinden sie ausschließlich mit extremen Fällen wie der dissoziativen Identitätsstörung (DIS). Dadurch entsteht das Bild, dass Dissoziation entweder ein seltenes Phänomen oder eine „übertriebene Darstellung“ sei.
2. Psychische Erkrankungen als Schwäche
Unsere Gesellschaft wertet die physische Stabilität oft höher als die psychische Gesundheit. Während ein gebrochener Arm Mitgefühl hervorruft, wird psychisches Leid oft belächelt oder als mangelnde Willenskraft betrachtet. Menschen mit dissoziativen Störungen erleben daher häufig Aussagen wie:
- „Reiß dich zusammen.“
- „Du bildest dir das nur ein.“
- „Das ist doch nur Aufmerksamkeitssuche.“
3. Angst vor dem Unbekannten
Alles, was schwer verständlich oder nicht sichtbar ist, macht Menschen unsicher. Dissoziative Symptome wirken für Außenstehende oft „merkwürdig“ oder beängstigend, besonders wenn Betroffene während einer Episode nicht ansprechbar wirken oder sich plötzlich nicht mehr an gemeinsame Erlebnisse erinnern können.
4. Medien und Falschdarstellungen
Filme und Serien neigen dazu, psychische Erkrankungen dramatisch oder sensationslüstern darzustellen. Figuren mit dissoziativen Störungen werden oft als gefährlich oder unberechenbar dargestellt, was das Stigma zusätzlich verstärkt.
Die Folgen gesellschaftlicher Vorurteile
Isolation und Rückzug
Wer sich nicht ernst genommen oder missverstanden fühlt, neigt dazu, sich aus sozialen Kontakten zurückzuziehen. Viele Betroffene berichten, dass sie sich nicht trauen, offen über ihre Symptome zu sprechen – aus Angst, abgestempelt zu werden.
Schwierigkeiten in der Diagnosestellung
Weil Dissoziation häufig nicht ernst genommen wird, kann es Jahre dauern, bis Betroffene eine korrekte Diagnose erhalten. Viele suchen erst spät professionelle Hilfe, weil sie selbst glauben, „sich nicht so anstellen zu dürfen“.
Erhöhte psychische Belastung
Das Stigma führt dazu, dass sich viele Menschen mit Dissoziation zusätzlich schämen oder sich selbst nicht ernst nehmen. Dies kann zu Depressionen, Angststörungen und einem verschlechterten Selbstwertgefühl führen.
Was kann getan werden?
1. Aufklärung fördern
Psychische Gesundheit sollte kein Tabuthema mehr sein. Je mehr Menschen über Dissoziation erfahren, desto besser können sie Betroffene unterstützen. Dies beginnt in Schulen, Medien und in der allgemeinen Gesellschaft.
2. Betroffenen eine Stimme geben
Menschen mit dissoziativen Störungen sollten nicht nur als „Patienten“ gesehen werden, sondern als Experten ihrer eigenen Erfahrungen. Blogs, Bücher, Vorträge und Erfahrungsberichte helfen dabei, Vorurteile abzubauen.
3. Sprachbewusstsein schärfen
Begriffe wie „gestört“ oder „verrückt“ sollten nicht leichtfertig verwendet werden. Stattdessen ist es wichtig, mit Respekt über psychische Erkrankungen zu sprechen und Betroffene nicht durch abwertende Kommentare weiter zu belasten.
4. Unterstützung statt Zweifel zeigen
Wenn jemand über seine Erfahrungen mit Dissoziation spricht, sollte die erste Reaktion kein Urteil sein, sondern echtes Interesse. Fragen wie:
- „Wie fühlt sich das für dich an?“
- „Wie kann ich dich unterstützen?“
helfen viel mehr, als vorschnelle Meinungen oder Ratschläge.
Fazit: Ein Thema, das alle angeht
Dissoziation ist keine Seltenheit, und die damit verbundene gesellschaftliche Stigmatisierung macht den Umgang damit umso schwerer. Es ist an der Zeit, das Schweigen zu brechen und psychische Erkrankungen genauso ernst zu nehmen wie physische. Ein offenes Gesprächsklima, mehr Wissen und mehr Empathie können den Unterschied machen – für alle Betroffenen und für eine Gesellschaft, die psychische Gesundheit endlich als das behandelt, was sie ist: Ein zentrales Thema für uns alle. 💙
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